Wir Keramiker ... von Chajim Grosser

Hier werden Artikel fürs nächste Töpferblatt vorveröffentlicht - denn bis zum Erscheinen des Töpferblattes dauert es ja notorisch etwas ...
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Günter
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Wir Keramiker ... von Chajim Grosser

Beitrag von Günter »

Das ist als Nachtrag vom Symposium im nächsten Töpferblatt, aber Chajim hat das so schön geschrieben, das kann nicht warten!!

"Ja, wir Keramiker sind schon ganz unzweifelhaft ein besonderes, manchmal auch spinnertes
Völkchen. Ganz gleich, ob wir und uns nun als Lehmkneter, Scheibendompteure, Glasurenartisten,
Pinselschwinger oder Malhörnchenakrobaten selbst gerne sehen. Was uns alle eint ist doch die
unwiderstehliche Anziehungskraft des Ofens kurz bevor wir ihn nach dem Brand öffnen.
Was für ein beglückender Augenblick sie alle aufgestellt zu sehen, die Schälchen ,die wir einander
zugedacht und dann auch verlost hatten. Sie lächelten uns mit ihren blinkenden Glasuren im frühen
Nachmittagslicht entgegen und eine geringe Sorge beschlich uns : wird meine Gabe denn auch
Freude auslösen bei der EmpfängerIn? Nun, das kann ich nur für mich beantworten. Denn mir war
ein Schüsselchen zugedacht, das nicht schöner in meinen Augen diese besonderen Tage des
Symposions hätte widerspiegeln können: perfekt gedreht mit den Spuren der geläufigen Finger im
Innern. Eine feine,gefällige Fahne zum Abschluss: Lindgrün betont.Auf dem Boden ebenfalls
lindgrün acht Schlingen mit dem Malhörchen gesetzt. „Acht“ das ist doch die Zahl des höchsten
Glücks im Buddhismus.Zwischen den Schlingen Malhörnchenzierrat, weiß, Flachpinselabdrücke,
hellblau, rote Punkte von der Pinselspitze, im Zentrum ein rotes Herzlein.
Das Außen ,ein wilder Tanz von Schlingen und Bögen aus dem Schlicker – Hörnchen. Alles
gekonnt in Szene gesetzt. Also ,ich war und bin noch beglückt.
Entstanden ist das Feinsteinzeug-Teil im Allgäu, unweit der Zugspitze. Denn was sind schon vierzig
bis fünfzig Kilometer für eine KeramikerIn mit ihrem Fahrrad , wenn sie den höchsten Gipfel zu
erklimmen die Absicht hegt.
Ganz so hoch lag mein Ziel dann doch nicht. Aber in Treysa angekommen, habe ich mir ein Taxi
für den Berg nach Schwalmstadt genommen.
Samtene Sommerwärme umgab mich und eine geruhsame Stille, als ich erwartungsvoll übers
„Hephata“-Gelände strich.
Unkompliziert und gut organisiert, die Anmeldung mit dem Schlüssel für die Übernachtung
versehen, dann noch eine Überraschung : ich werde mit meinen Vornamen begrüßt. Ein strahlendes
Gesicht, mittleren Alters, auf einer doch recht imposanten Gestalt streckt mir seine Begrüßungs
Hand entgegen.
Ich stutze. „Kennen wir uns?“ Ich blättere schnell in meinem Gedächtnis – keine Eintragung.
„Nein!“ , „aber ich hab dich gleich erkannt, lieber Chajim, du bist unser ältester Teilnehmer und so
wie du aussiehst, habe ich mir dich auch vorgestellt. Der Typ lacht mir entgegen und ich lache
zurück. Herrlich.So ist mir Günter Haltmayer ,der großartige „Bereiter des Keramiker Tischs",
gleich zu Beginn dieser mit so viel Spannung erwarteten Tage begegnet.
Langsam schleiche ich über das Gelände, das ist ein sanft ansteigender Berg. Rechts vom Weg
winken mir rote Perlen von Süßkirchen verführerisch zu. Im Lauf der Tage habe ich sie einige Male
heimgesucht, ihren Wohlgeschmack und ihre unmittelbare Frische genossen.
Aber erst mal weiter aufwärts. Und da erscheint sie, die Burg Monsalvat, ein geklinkerter, fest
gefügter, monumentaler Klotz. Ist das das Haus Bethanien?
Das Kirchlein daneben verschwindet fast in Bedeutungslosigkeit. Wenn da nicht das viertelstündige
Anschlagen der Zeit Melde- Glocke wäre...
Zunächst finde ich den Zugang zur Herberge nicht, dann doch: eine seltsam kleine Automatiktüre,
die mit Schlüsseltaster bedient werden will.
Das erscheint mir an diesem massiven Bau wie ein Einschlupfloch für Mäuse.
Ich fühle mich in diesem Haus total befangen, irre hin und her, bis ich endlich ganz oben angelangt
bin, im Hostel „Bethanien“.
Der Schlüsseltaster hat dem Sicherheitsschloss seinen geheimen Code, das „Sesam öffne dich“
eingeflüstert, die Tür springt auf...ein Ort der Behaglichkeit bei gefälligen Luxus tut sich auf..
Bin ich hier richtig? Hier residieren vermutlich doch nur Kirchenfürsten, Generalsuperintendenten,
maßgebliche Gotteswissenschaftler, Käsmänner usw.Dieses Zimmer ist pomfortionös! Keines meiner bisher erlebten Hotelzimmer, in aller Welt, war so luxuriös.
Ich fühle mich umschmeichelt. Hier wollte ich doch hin. Hatte so lange gewartet, Vertrauen in
mich selbst aufgebaut , einige Zeit darüber nachgedacht wie mein Vortrag sein müsste ,damit ich
mich so mitgeteilt , dass jeder der ZuhörerInnen mein Anliegen verstanden hätte :“Nicht alles, was
wir können, ist uns auch erlaubt. Und schon gar nicht alles ,was wir sagen, wird so verstanden, wie
wir es meinen.
„ Ton als Werkstoff des biografischen Ausdrucks“war das mir gestellte Thema. Das bedeutete
darüber reden zu dürfen, was es ist, das mich antreibt, immer wieder keramisch arbeiten zu m ü s s -
e n …
Es sind Mythen und Legenden , die den Stoff, darüber nachzudenken ,abgeben.
Nicht selten entstammen sie der Bibel. Die hebräische Bibel , ist sie nicht Familiengeschichte des
Volkes, dem auch ich entstamme, angehöre? Und kann ich dieser Chronik vielleicht das
Menschliche abgewinnen , wie man erkennt, dass Schmerz und Mühe zu Teilen eines erfüllten
Lebens werden müssen , wenn Glück und Frieden erlebbar werden sollen?
Mein Psychiater in Fehrbellin,einem kleinen, aber historischen Nest Brandenburgs, war bereit, sich
meine beabsichtigte Rede anzuhören. Von ihm verspreche ich mir Hilfe, um in einer
Verhaltenstherapie Verfolgungsängste aufarbeiten zu können. Und er sollte mich bremsen, wenn
ich bei der Darstellung meiner Jüdischkeit allzu sehr ins Kraut schösse!
Aber dann spürte ich doch genug Selbstvertrauen und wusste genau, was ich reden wollte und
musste, und brauchte keine psychiatrische Begutachtung mehr.
Die ersten Wörter hatte ich mir zurechtgelegt : “Shalom!” Kleine Pause.Nochmal “Shalom!”
Ich würde meine Kippa tragen (weil am Shabbes alle Juden die Termulke tragen, wenn sie sich den
Kindern Israels zugehörig fühlen.) Und dann würde ich nochmals diesen Friedensgruß sehr deutlich
in den Raum rufen : “Shabbat Shalom , Friede soll sein, aber es ist kein Friede…”Dann würde ich
überleiten können zu den halbwüchsigen Kindern aus Bosnien, alles schwer traumatisierte
Kriegsflüchtlinge. Wir hatten zusammen Wölfe aus Ton gefertigt und versucht, Parallelen
aufzuspüren, zwischen unseren eigenen Schicksalen und dem Dasein der Wölfe in ungeschützten
Gebieten. Dann liefe es schon, dann wäre ich bei meinen eigenen Arbeiten angelangt…
Von solchen Gedanken war ich doch einigermaßen an- und ausgefüllt.
Beim Schlendern übers Gelände haben wir uns miteinander bekannt gemacht. Und da waren sie
dann die RepräsentantInnen dieses besonderen Völkchens. Was für eine unaufgeregte Fröhlichkeit
in diesen ersten Begegnungen steckte. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl, eine stille Freude erfüllte
mich, als ich endlich mein schönes Zimmer mit den etwas zu klein geratenen Fenstern erreichte.
Noch war der furchtbare Schrecken, der mich tags darauf erfassen sollte, nicht zu erahnen.
Und was dann am frühen Morgen an mein Ohr schepperte war der Glockenklang aus jenem
Kirchtürmchen neben dem “Bethanien”und nicht wie im schreckhaften Erwachen vermutet eine von
Gleisbauarbeitern angeschlagene Eisenbahnschiene.
Jetzt weiß ich es, dieser Glockenschall ist ein wehmütiges Klagen, ein schmerzvolles Schreien.Und
das wird wohl auch so bleiben, solange diese Kirche steht und dieser rote Klotz daneben.
Der nun beginnende Tag verlief in schöner, selten erlebter Harmonie.
Ich muss allerdings eingestehen von einigen der Vorträge rein gar nichts verstanden zu haben. Das
waren auch ganz spezifische, heilpädagogische Themen. Interessant waren sie trotzdem.Wie dann
am Abend die Führung über das Gelände der Hephata Akademie. Und da krachte es, wie Donner
nach Blitz aus heiterem Himmel : Der rote Klotz war mal, vor 77 Jahren, ein psychiatrisch
geführter Ort systematischer Menschenverachtung! Und vor dem doch recht schlichten Gotteshaus
versuchte ein erschütterndes Mahnmal an das Grauen zu erinnern. Grauen der besonderen Art, das
auch nicht wegzuwischen ist, die Euthanasie nationalsozialistischen Rassenwahns.
Wie eine Pylone ragen zwei rostgefärbte, schmale Metallwände in den Himmel.Zwischen Ihnen
eines Menschen Abbild, sein Gesicht in die Erde gepresst, fixiert, am Hals, an der Hüfte , an den
Händen und Füßen. So gefesselt ist er außerstande, sich zu bewegen zu befreien. Er wird vondenen, die ihn eigentlich beschützen, hegen, pflegen und umsorgen sollen, in den Tod geschickt werden.
Warum ?
Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund, keine menschlich begründete Rechtfertigung.
Wir müssen uns fragen, was waren denn das für Menschen, die sich einem solchen Wahn
auslieferten, sie wären besser, tüchtiger, gesünder, für den Fortbestand des Volkes wichtiger?
Waren das Gedemütigte nach einem verlorenen Krieg, Verängstigte nach Inflation und
Wirtschaftskrise, Haltlose im Wirrwarr der politischen Extreme, Alleingelassene im Schmelztiegel
eines allenthalben spürbaren Glaubens an eine bessere, kommende Zeit.
Dann kamen die Versprechen goldener Tage, die Wenigsten prüften sie, die Meisten wollten es nicht
verpassen, dabei zu sein und liefen mit, schlossen sich der “Bewegung” an, wurden schrittweise zu
Überzeugungstätern…
Doch was sich dem “Neuen Geist” mutig entgegenstellte, wurde "ausgemerzt". Auch diejenigen,
die nicht nützlich erschienen , die "Schmarotzer'' am gesunden Volkskörper.
Dabei hätte die Gemeinschaft an ihnen und durch sie so viel lernen können : barmherzig sein,
gutmütig, hilfsbereit, demütig, bescheiden, zu kleinen Opfer bereit, verständnisvoll und duldsam zu
sein. Das wäre vielleicht die bessere Medizin für den geschundenen Volkskörper , die gepeinigte
Volksseele gewesen, um sie dauerhaft vom “Hornviehnationalismus”(Nietzsche), vom Hass gegen
Juden und alles Fremde zu kurieren.
Und dann war an dem Kirchlein noch so ne Bronzetafel mit Namen von Kirchenleuten, die im
Dezember 1945 eine neue EKD gegründet hatten. Namen derer man sich gern erinnert, Martin
Niemöller, Gustav Heinemann unter anderen und Namen, die ich gern dem Vergessen anheim fallen
lasse wie die der Schwerverbrecher, denen sie sich angedient hatten und selbst nach Kriegsende
ihren schäbigen Charakter weiter auslebten, durch Hetze, verdrehen der Sachverhalte,
Scharfmacherei und Verteufelung. Da waren sie dann ganz und gar treue Schüler ihres großen
Reformators, des Vorlagengebers von “Stürmer” und “Völk. Beobachter”, unübertroffen in seinen
“Sieben Thesen zur Judenfrage", unübertroffen in seinem mit Hass besetzten Eifer und Zorn.
Aber sind Hass und Zorn nicht Indizien von Paranoia?
Plötzlich fühlte ich mich wie umzingelt. Der ganze schöne Tag war wie weggeblasen.Traurigkeit
überfiel mich,wie ich sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Und ich reagierte darauf, wie ich es
immer in solchen Situationen gemacht habe, ich ging zu Bett und zog mir die Zudecke über den
Kopf. Doch der Schlaf, der mich nun überfiel, war angefüllt mit scheußlichen, angsterfüllten
Träumen.Angst peitschte mich auch aus dem Schlaf. Meine Nachtwäsche klebte mir am Körper,
vollkommen durchgeschwitzt. Decke und Kissen schweißnass.
Ich delirierte weiter durch die Nacht, hörte die furchtsame Stimme meiner Mutter,dass wir
gleich”abgeholt” würden, wenn ich nicht stille wäre. Ich hörte die Stiefeltritte der Soldaten vor
unserer Tür, die sie gleich eintreten würden.
Irgendwann schlief ich vor Erschöpfung wieder ein und traumlos durch bis zum Wecken am frühen
Morgen.
Um 7:00 ?
Ich fühlte mich ganz zerschlagen und matt, doch viel besser als in der Nacht,als mich der Alptraum
quälte. Das war, als hätte ich mit einem Drachen gekämpft, auf Leben und Tod. Und nun entstieg
ich dem Bad in Drachenblut. Seine heilsame Wirkung sollte später noch einsetzen.
Heißes und kaltes Wasser einer Wechselbad Dusche erweckten neue Lebensgeister. Irgendwie fühlte
ich neue Kraft, Lebensfreude. Ich dachte : “Ach wie schön, ich lebe ja noch!”
Mein Vortrag wurde mit Wohlwollen aufgenommen und herzlichem Beifall bedacht.
Freude durchströmte mich und eine selbstgefällige Genugtuung!Was ich gesagt hatte, war vom Auditorium offensichtlich verstanden worden, mein Hauptanliegen,
nämlich in meinen Keramiken vergegenständlicht: “Nicht alles ,was wir können, was uns möglich
wäre, ist uns zu tun erlaubt!”
Wer oder was schränkt uns ein? Eine Moral, die nicht nur Zweck Normen dient, die jedoch ihre
Gründe aus Liebe, Achtung und Fürsorge anderen Gattungswesen gegenüber her leitet.
Ja, mir wurde bewusst, wie wunderbar es ist, leben zu dürfen, und das nicht nur für mich allein,
sondern im Verbundensein mit Gleichgesinnten.
Heiter machte ich mich auf zu den Kirschbäumen. Deshalb konnte mich dann auch der
protestantisch bescheidene Mittagstisch nicht verstimmen. Bei solchem Essen, dachte ich belustigt,
fastet man gerne…
Anregende,schöne Gespräche übers “in den Ton greifen” gabs noch mit bemerkenswert originellen
Leuten.
Allerdings waren mir die Workshops versagt geblieben, weil mein Körper anfing, sich einer
Krankheit auszuliefern. Alles tat mir weh. Besonders die Gelenke. Die sagten:” Halt ! Bis hierher
und nicht weiter. Du bist diesmal zu weit gegangen mit deinen seelischen Aufräumarbeiten.”
Und dann hatte zwölf Wochen hintereinander das Kranksein mich voll im Griff. Ich lag viermal in
dieser Zeit in verschiedenen Krankenhäusern . Jetzt im Nachhinein erscheinen mir diese Wochen als
segensreich, was ich meinem Verhaltenstherapeuten noch mitteilen will.
Das Tontopia - Keramiker Symposion in Treysa wird mir unauslöschlich im Gedächtnis bleiben,
besonders der putzige Abschied. Denn direkt vor der Sparkasse beim Bahnhof steht ein
bemerkenswert, märchenhaftes Denkmal, die”Sieben Geißlein und der böse Wolf”, eine beachtliche
Bronze : Die Geiß hat dem Ungetüm den Wanst aufgeschnitten und ihre glücklichen Kinder
springen behend aus dem Wolfsbauch in die Freiheit…Sie hatten, bevor es sie fraß, mit dem
Raubtier gespielt…Und die Mutter, die Geiß ? Die hatte mit ihm geflirtet.
So seltsam es anmutet, wenn ich darüber nachdenke, aber die Bronzetafel an dieser kleinen Kirche
oben, neben dem Euthanasie-Mahnmal ,mit den Namen der Neu-Gründungsväter und jene Plastik
vor dem Bahnhof, die gehören zusammen ; die Bronze Geiß ist mir die EKD."
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